Fresh Expressions





„Ist die Kirche noch ganz frisch?“

Eine Studienreise nach London

Laute Musik in der Halle, Jugendliche auf kleinen BMX-Rädern und Skateboards, die über die Rampen flitzen oder auf dem Gelände draußen einen Salto machen, ein junger Mann aus Tadschikistan, der den Jugendlichen das Tanzen beibringt und das alles in Benfleet, einer verschlafenen Kleinstadt vor den Toren Londons. Das ist Kirche! Und mitten drin Pete Hillman, der Pastor dieser ‚Skaterkirche‘. Das soll Kirche sein? Ja, ganz genau. Und zwar schwerpunktmäßig für Jugendliche. Und sie kommen und nutzen das Gelände und die Begleitung durch Pastor Pete und die anderen Mitarbeiter. Kirche für Jugendliche, als eine offene Anlaufstelle, wo sich aber unter der Woche auch verbindliche Klein- und Gebetsgruppen treffen und wo am Sonntag oben im Tanzraum Gottesdienst gefeiert wird.

Ist die Kirche noch ganz frisch?

Ein ehemaliger Pub, eine Eckkneipe also, mitten in London, in einem Viertel, wo viele junge Familien und viele Künstler und Studenten wohnen. Tagsüber Kindergarten, am Sonntagabend Gottesdienst in der ehemaligen Kneipe an der Ecke. ‚Chruch on the Corner‘ – Kirche an der Ecke, heißt diese Gemeinde, die nicht sehr groß ist und aus etwa 70 Gemeindegliedern besteht. Das ist Kirche? Ja, und zwar schwerpunktmäßig für die vielen jungen Erwachsenen, die dort in der Nähe leben. Wir treffen Mark Fletcher, den Pastor dieser Gemeinde. Und er erzählt von seinen Erfahrungen und dass er die Gemeinde nicht gegründet hat. Das waren 9 Jugendliche, denen man das Gebäude, das heute viel Geld wert ist, anvertraut und ihnen zugetraut hat, dass sie Kirche Jesu Christi bauen, wie sie es für richtig halten und wie es jungen Erwachsenen entspricht. Was für ein Risiko. Aber Menschen haben es gewagt und dabei Manches gewonnen.

Ist die Kirche noch ganz frisch?

Ein Donnerstagabend im Gemeindehaus der ‚Holy Trinity Kirche‘ in Brompton, einem Stadtteil mitten im Zentrum, ganz in der Nähe des berühmten Kaufhauses ‚Harrods‘. Etwa 250 Menschen kommen zusammen, die meisten zwischen 20 und 30 Jahren, viele kommen offenbar direkt von der Arbeit. Darum gibt es zuerst auch zu essen. Auch für uns, die wir herzlich begrüßt werden. Wir wollen an diesem Schulungsabend für die Mitarbeiter des „Alpha-Kurses“, eines Glaubenskurses, der in dieser Gemeinde entwickelt wurde, teilnehmen. Ja, ganz richtig: Die 250 Leute an diesem Abend sind nur die Mitarbeiter, die für ihre Aufgabe fit gemacht werden. Teilnehmen werden dann wohl zwischen 600 und 800 Menschen aus ganz London, denn in der ganzen Stadt, auf Plakatwänden und in U-Bahnen wurde zu diesem Kurs eingeladen. Am Sonntagabend sind wir dort im Gottesdienst. Dreimal war die Kirche schon voll und auch jetzt bleibt kaum ein Platz frei auf den Stühlen und auf den Sofas (!) in dieser alten englischen Kirche. Eine gute Rockband spielt die Lieder, zum Singen stehen wir auf und die Abkündigungen werden mit dem Beamer auf der Leinwand gezeigt. Nicht immer ist Gottesdienst in dieser Form. Es wird auch traditionell gefeiert. Es gibt auch klassische Kirchenmusik, aber eben auch das andere, das offenbar viele junge, aber genau so auch ältere Menschen anspricht.

Ist die Kirche noch ganz frisch?



Merkwürdige Frage, finden Sie? Aber genau das war die Frage und die Überschrift über eine Studienreise nach London, die ich im letzten September machen konnte. „Ist die Kirche noch ganz frisch? Eine Reise zu den ‚Fresh expressions of Church‘ in der Kirche von England“. Wir waren unterwegs mit evangelischen und katholischen Kollegen und Kolleginnen aus der Hannoverschen Landeskirche und dem Kath. Bistum Hildesheim. Und allein schon dieses Miteinander war ein großes Geschenk, weil wir viele Gemeinsamkeiten entdeckt und echte ökumenische Gemeinschaft erlebt haben. Nur, was sollte das alles?

In der ‚Kirche von England‘, der anglikanischen Kirche, tut sich Manches Neue in den letzten Jahren. Da gibt es viele frische Formen und Ausdrücke von Kirche, ‚fresh expressions of Church‘ eben. Da werden sehr mutig neue und manchmal auch gewagte Wege gesucht und gegangen, wie Menschen im postmodernen 21. Jahrhundert Gemeinde Jesu Christi sein können. Wir, die Kollegen und Kolleginnen, hatten davon im Vorfeld Manches gehört und wollten uns nun einige Gemeinden und Projekte aus der Nähe ansehen. Die Kirche dort hat es in vielem schwer. Viel mehr Leute als bei uns, haben nichts mit Kirche zu tun und hatten z.T. noch nie Kontakt. An vielen Stellen herrscht eine viel größere Finanznot. Aber gerade die macht nun sichtbar erfinderisch. „Gott hat die Sprache benutzt, die wir verstehen, die Sprache des Geldes“, hat ein ehemaliger Bischof aus England gesagt. So sieht es aus. Nicht alles ist besser in England, nicht alles funktioniert gut und Vieles ist sehr mühsam und bedeutet viel Arbeit und Anstrengung.

Was machen die eigentlich anders, was haben die, was wir manchmal nicht haben? Denn nicht alles, was wir dort sehen und erleben können, ist völlig neu. Oder anders gesagt: Was können wir lernen von Gemeinden in der ‚Kirche von England‘?

Mich hat Haltung, die Leidenschaft der Menschen beeindruckt, denen wir begegnet sind, die Freude an ihrer Arbeit und die Gewissheit, mit Gott auf dem Weg zu sein. Immer wieder steht das Gebet im Mittelpunkt und damit immer auch die Frage, was Gott mit der eigenen Gemeinde und mit einem selbst vorhat. Da wachsen Erfahrungen im Glauben, von denen einfach weitergesagt werden muss. Menschen sollen zu persönlichen Erfahrungen im Glauben kommen. Das ist das Ziel von Gemeinde und daran arbeiten sie auf so unterschiedliche Weise und auf manchmal risikoreichen Wegen. Aber es wird lieber etwas probiert, das dann nicht gut funktioniert, als alles weiter so zu machen, wie schon immer. Und dazu gehört auch, dass man sich lieber auf bestimmte Personengruppen ganz einstellt, z.B. auf die Jugendlichen in der Skaterkirche, als auf alle nur so ein bisschen.

Was ist das Geheimnis?

Pete Hillman, der ‚Skater-Pastor‘ in Benfleet, sagte es beeindruckend einfach: „Wir sind ganz gewöhnliche Leute, die aber einem absolut außergewöhnlichen Gott dienen!“ Und dieses unbedingte Vertrauen auf IHN macht offenbar vieles Neue möglich.

Ist die Kirche noch ganz frisch?

Dies ist die Frage, die sich Kirche Jesu Christi immer wieder stellen muss, um zu neuen Antworten und zu neuen, frischen Wegen zu kommen, um die alte und immer wieder frische Botschaft des Glaubens weiterzusagen. Sind sie neugierig geworden auf weitere ‚frische Formen‘ von Kirche in England (und dann vielleicht auch bei uns)? Dann sprechen Sie mich an. Ich könnte noch mehr erzählen…!

Jens Monsees