Margot Käßmann beim Kreisfrauentreffen in Lamstedt 



Dr. Margot Käßmann tritt von allen Ämtern zurück

Viele Menschen hat der Rücktritt von unserer Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden Dr. Margot Käßmann sehr bewegt. In einer Presseerklärung hat der Kirchensenat dazu folgendes erklärt: Wir, die Mitglieder des Kirchensenats, sind sehr betroffen und traurig über den Rücktritt von Dr. Margot Käßmann als Landesbischöfin. Wir haben diesen Rücktritt heute förmlich festgestellt.

Die Landeskirche dankt Frau Landesbischöfin a.D. Dr. Margot Käßmann für ihren engagierten Dienst! Ihre Entscheidung, von ihrem Amt als Landesbischöfin zurückzutreten, verdient unseren größten Respekt. Sie hat damit gezeigt, dass sie ihr Handeln an den Maßstäben misst, die für ihr bischöfliches Wirken immer leitend waren. Sie hat deutlich gemacht, dass es für sie in dieser Situation entscheidend war, Schaden abzuwenden und die Kirche frei von Zweifeln an der Autorität des Bischofsamtes zu wissen. Damit hat sie Größe auch im Umgang mit eigenen Fehlern gezeigt und persönliche Integrität und bewundernswerte Geradlinigkeit bewahrt.

Frau Dr. Margot Käßmann hat als Landesbischöfin in beeindruckender Weise unsere Landeskirche in der Öffentlichkeit vertreten. Ihre Glaubensfreude und Glaubensstärke sowie ihr klares Urteil in politischen und sozialen Fragen haben ihr großen Respekt eingetragen. Frau Dr. Käßmann ist geprägt von ihrer Liebe und Nähe zu den Gemeinden unserer Landeskirche. Viele Menschen haben sie auf den Kanzeln als begeisternde Predigerin erlebt. Sie hat sich ihnen warmherzig zugewandt und Hoffnung und Zuversicht vermittelt. Sie hat authentisch von ihrem Glauben an die befreiende Liebe Jesu berichtet. Für Frau Dr. Käßmann stehen die Menschen mit ihren Schicksalen und Brüchen in der Lebensbiografie im Mittelpunkt, und sie macht ihnen immer wieder Mut zu neuen Aufbrüchen.

Der Kirchensenat ist dankbar, dass Frau Dr. Käßmann als Pastorin der hannoverschen Landeskirche weiter verbunden bleibt. Sie hat unsere Landeskirche geprägt und steht für den Aufbruch zu einer Kirche der Freiheit. Wir wünschen ihr von ganzem Herzen Gottes reichen Segen und dass er seine schützende Hand über sie halte.

(offizielle Stellungnahme)

Die Kirchen und die Moral

Die Kirchen kommen nicht aus den Schlagzeilen heraus. Leider waren es in letzter Zeit oftmals schlechte Nachrichten. Erst die Berichte über unmenschliche Zuständen in kirchlichen Kinderheimen in den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Dann die erneute Welle von Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe in katholischen Schulen und Internaten.

Und nun die evangelische Bischöfin, die betrunken eine rote Ampel überfährt, eingesteht, sie habe einen schweren Fehler gemacht und daraus ihre Konsequenzen gezogen hat: Am Mittwoch in der vergangenen Woche ist Dr. Margot Käßmann von allen ihren Ämtern zurückgetreten. Was ist los in den Kirchen? Gibt es da keine Moral? Gibt es keine Vorbilder mehr, auf die man schauen kann - gerade in einer Gesellschaft, die Maßstäbe und Werte verloren hat?

Dabei war ja gerade Margot Käßmann für viele zu einem Vorbild geworden, weil sie einfühlsam, beherzt und manchmal auch provokant die Dinge beim Namen nannte. Die Situation in Afghanistan zum Beispiel. „Nichts ist gut in Afghanistan", sagte sie und sprach damit vielen aus dem Herzen. Vehement hat sie sich gegen Kinderarmut eingesetzt und auch die Diskussion um Hartz IV neu in Gang gebracht hat. So vieles wollte sie noch bewegen, hätte sie noch bewegen können.

„Es tut mir leid, dass ich viele enttäuscht habe" sagte sie in ihrer Presserklärung zum Rücktritt. Und damit meinte sie nicht nur die Moralisten, die schon seit der Scheidung von ihrem Ehemann an ihrem Bischofsstuhl sägten, sondern vor allem die, die sie gebeten hatten im Amt zu bleiben. Ein Amt, das sie gefüllt hat mit ihrer eigenen Dynamik, mit Auftritten in Talkshows, die ein neues,
frisches Bild von Kirche in die Öffentlichkeit brachten, und mit kraftvollen Worten, die auch bei einem Kreisfrauentreffen in Lam-stedt zu hören waren. Ich bedauere ihren Rücktritt, habe aber auch großen Respekt davor. Sie hätte leicht darauf verweisen können, dass ihr Vergehen rechtlich geahndet wird - und das war's.

Sie hätte auch biblisch argumentieren können, sogar mit Jesu Worten: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" Nein, sie hat ihre Konsequenzen gezogen, weil sie gradlinig bleiben wollte. Sie hätte alles unter den Teppich kehren können. Sie hätte mit Scheinheiligkeit und mit angekratztem Image weitermachen können. Sie hat es nicht getan, wie manch einer von den „Großen da oben", die scheinbar nach ihrer eigenen Moral leben. Und deshalb bleibt sie auch darin noch Vorbild für den Umgang mit Fehlern und Missständen, nicht nur in den Kirchen.

Der morgige Sonntag trägt den Namen „Reminiscere" und erinnert an Psalm 25 Vers 6: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!" Die aktuelle Passionszeit hält es uns wie ein Spiegel vor: Als Menschen müssen wir damit leben, dass wir Fehler machen und dass wir Schuld auf uns nehmen. Davor sind auch Kirchenvertreter nicht gefeit. Weil wir aber um Gottes Barmherzigkeit wissen, können wir offen und ehrlich damit umgehen. Und wenn es sein muss, auch die nötigen Konsequenzen ziehen. Denn, bei allen schlechten Nachrichten, bleibt die eine gute Botschaft: „Du kannst nie tiefer fallen als nur in Gottes Hand!". Margot Käßmann sagte bei ihrem Rücktritt, dass sie für diese Glaubensüberzeugung gerade jetzt dankbar sei.

Bert Hitzegrad