Du meine Seele, singe!
Kann ein Mensch noch singen, der in frühester Kindheit seine Eltern verloren hat? Wenn vier der fünf Kinder und die Ehefrau früh verstorben sind und Kriege das Leben überschatten? So viel Leid könnte doch jeden Gesang verstummen lassen. Und doch schuf Paul Gerhardt im 17. Jahrhundert Lieddichtungen voller Zuversicht auf Gott, voller Freude - einer Freude, die ihn trotz vielem Leid singen lässt.
Wieviel Kraft muss in Musik stecken, um nicht nur in schönen Stunden zu erfreuen, sondern gerade auch in Zeiten persönlicher Belastung helfen zu können. Im letzten Jahr hat mich ein Film über einen Musiker bewegt, der mit seiner Musik anderen Menschen hilft, im Leid ihr ganz eigenes Paradies zu finden über das Singen der Musik, die unerkannt in ihnen geschlummert und nur darauf gewartet hat, zum Leben erweckt zu werden. „Wie im Himmel" heisst der Film.
Auch wir können ein kleines Stück Himmel in diese Welt bringen, wenn wir Musik zum Leben erwecken mit den Gaben, dieganz unterschiedlich sein mögen, die aber jeder Mensch in sich trägt. Jeder und jede - auch die Kinder des Kinderchores, die mir mit Begeisterung geholfen haben, als wir unser letztes Musical „Dornröschen" gemeinsam geschrieben, geprobt und aufgeführt haben. Oder die Bläser unserer Posaunenchöre, die bei einem 90. Geburtstag Paul Gerhardts Lied spielten: „Du meine Seele, singe."
Daran will uns der Sonntag mit dem Namen „Kantate - Singt!" erinnern: Welch großes Geschenk wir mit der Musik und dem Musizieren erhalten haben. Martin Luther hat gesagt: „Wer sich die Musik erwählt, hat ein himmlisch Gut gewonnen. Denn ihr erster Ursprung ist von dem Himmel selbst genommen."
Lassen wir unsere Seele singen und musizieren.
Kai Rudi
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