Das Oratorium „Elias“ in unserer Kirche

Es waren drei tolle Tage! Unvergleichlich aufregende, anstrengende, schöne Tage.
Die Intensität der Proben hatte in den letzten Wochen zugenommen. Herr Rudl, der ewig Nachsichtige und Einfühlsame, war strenger mit uns geworden. Viele Fehler durften wir uns jetzt nicht mehr erlauben, das wussten wir. Dann, am 9.11., war es soweit: der Tag der Generalprobe.

Himmel, waren wir aufgeregt! Hatte ich wirklich genug geübt? Beim letzten Probenabend hatte ich doch an einigen Stellen noch gepatzt… Nun war das Orchester aus Osnabrück angereist gekommen – da mussten wir doch unser Bestes geben! Aber wo blieben die Marner? Der Sturm Tilo hatte die Fähre Glückstadt-Wischhafen ausgebremst, also mussten sie über Hamburg fahren – das wussten wir. Aber hätte der Bus nicht längst in Cadenberge sein müssen? Hoffentlich war nichts passiert.

Endlich! Um 19.30h trudelten sie ein: der Chor aus Marne, den wir letztes Jahr so lieb gewonnen hatten, und Peter Heeren, der Chorleiter. Nichts war passiert, alle munter, wiewohl genauso aufgeregt wie wir! „Was war los? Wieso kommt ihr so spät?“ wisperte ich meiner Nachbarsängerin Heinke zu. Sie kullerte nur mit den Augen – ein Gespräch war nicht möglich, die Probe musste weitergehen! „Keine Diskussionen, bitte!“ Nein, nein, lieber Herr Rudl, wir sind ja schon wieder ganz konzentriert dabei…
Am Samstagmorgen wachte ich auf, dachte an die Generalprobe zurück und erschrak. Es ist kaum etwas schief gegangen gestern Abend, oder? Es heißt doch, die Generalprobe muss schief gehen, damit die Aufführung klappt. Naja, vielleicht sieht Herr Rudl das ja anders. In seiner Haut möchte ich heute nicht stecken.

Um 14.00 Uhr zog ich mich um: oben weiß, unten schwarz – so sollten die Frauen erscheinen. Die Herren ganz in schwarz mit weißem Hemd. Es sollte ja schön und einheitlich aussehen. Wo sind die Noten? Ach, da! Halspastillen, Taschentuch – mehr brauchte ich nicht. Zwei Schüsseln mit Leckerbissen für das gemeinsame Kalte Büffet hinterher hatte ich vorbereitet. Ich stellte sie auf einen langen, schmalen Tisch im Gemeindehaus. Der bog sich schon unter all den Köstlichkeiten, die meine Chorschwestern dort bereits abgestellt hatten.

Noch schnell aufs Örtchen und dann ab in die Kirche, es wurde Zeit. Kurz vor 17.00 Uhr schritten wir, 83 Sänger und Sängerinnen, von der Orgelempore in Richtung Altarraum und auf das Podest. Um dort Platz zu finden, mussten wir uns ganz schön zusammenquetschen. Ich sagte zu Heinke: „Guck dir bloß diese Menge an! Und dabei heißt es doch, Nordniedersachsen sei so dünn besiedelt.“ Sie kicherte. - Ja, zeitweilig gab es in Cadenberge doch tatsächlich 9 Personen pro Quadratmeter! Auch sonst war die Kirche gut gefüllt – zwar nicht ganz ausverkauft, aber es sah gut aus; vielleicht würden wir trotz der hohen Kosten sogar ein kleines Plus machen.

Fast elf Monate hatten wir den „Elias“ geübt. Ich hatte die Musik anfangs unschön gefunden und die vielen Tonartenwechsel unüberwindlich schwer. Als nun am 10.11. die Ouvertüre begann, freute ich mich auf Mendelssohns Melodien. Die Choräle waren mir vertraut geworden, ich kannte und liebte sie jetzt, diese Musik. So ein Oratorium gemeinsam erarbeitet zu haben – das ist ein Geschenk fürs Leben! Weiß unser Chorleiter eigentlich, wie dankbar wir ihm dafür sind? Wir sind es ganz außerordentlich.
Ach so – wie sie dann war, die Aufführung? Das sollen Andere beurteilen. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, über mich hinauszuwachsen, besser und klarer zu singen als je zuvor. Ich glaube, uns allen ging es so. Wir glühten vor Anspannung und spornten uns gegenseitig an, das Beste zu geben. – Wir sind nur ein Laienchor, keine Profis, keine Bundessieger. Aber an diesem Samstag fühlte ich mich ganz nach oben empor getragen von der Musik und von der Gemeinschaft.

Der dritte tolle Tag war dann der 11.11., als wir die Aufführung des „Elias“ in Marne wiederholten. – Auf der Rückfahrt, im Bus: wir sprachen nicht viel. Ich war erschöpft, aber glücklich über die wunderbaren menschlichen Begegnungen mit den Marnern. Und ein bisschen traurig war ich, dass alles schon vorüber war.

Isolde Gesch