Liebe Leserinnen, liebe Leser,
vorletzte Woche haben wir eine halbe neue Küche bekommen. „Halb“ heißt, die Zeile auf der einen Seite des Raumes blieb, wie sie war, und die gegenüberliegende Zeile wurde ersetzt. Also habe ich erst einmal die eine Hälfte der Küche leer geräumt, die Schränke zerlegt und alles sauber gemacht. Der Inhalt der leer geräumten Schränke landete vorübergehend in unserem Esszimmer. Am nächsten Morgen kamen die Küchentischler. Die haben ein paar wunderbar praktische Schränke aus schönem Holz eingebaut und waren damit verblüffend schnell fertig. Am Abend haben meine Frau und ich angefangen die Küche wieder einzuräumen. Allerdings wollten wir nicht einfach wieder alles zurück räumen. Wir wollten den Inhalt eines großen unübersichtlichen Schranks von Gegenüber in den neuen Schränken unterbringen, und so rotierten die Dinge unserer Küche zwei Tage lang vom Esszimmer in die neuen Schränke und von der einen Seite über das Esszimmer auf die andere Seite der Küche.
Dabei haben wir in dem unübersichtlichen Schrank abgelaufene Konserven gefunden, Gläser und Glasflaschen, die wir nie brauchen würden (außer wahrscheinlich am Tag nach dem, an dem wir sie weggeworfen haben) und ein paar Dinge, von denen wir gar nicht mehr wussten, dass wir sie besaßen (neben ein paar Gegenständen, von denen wir nicht einmal sagen konnten, wozu sie wohl dienen). Dann haben wir in aller Ruhe entschieden, was von den entdeckten Dingen wieder in einen Schrank, was in einen Karton im Keller und was in den Müll kommt. Der Nussknacker meiner Frau, den sie als Kind schon in ihrem Elternhaus hatte, weckte in ihr Heimatgefühle und bekam natürlich einen guten Schrankplatz. Eine alte Petersilienmühle, die es in meinem Elternhaus auch gab, die wir aber nie benutzen, weil ich die Petersilie lieber mit einem Messer hacke, bekam einen Ausstellungsplatz auf einem Schrank. Dagegen wanderten ein paar Packungen abgelaufener Lebensmittel nun doch in den Müll, und die Gläser, in denen man ja eigentlich noch mal Marmelade einkochen könnte, in den Glascontainer, und die Salz- und Pfeffermühle, die nie funktioniert haben, stehen auch nirgends mehr dumm herum.
Das auch nicht so schrecklich schöne Windlicht, das aber eine Geburtstagsgeschenk aus alten Tagen ist, hat jetzt einen Platz im Keller erhalten. Da steht es neben dem Fonduetopf, den wir vor 15 Jahren das letzte Mal benutzt haben, und den Eiswürfelbereitern aus Plastik. Und dann habe ich endlich den großen unübersichtlichen Schrank abgebaut. Die Küche ist unglaublich groß geworden. Sauber gewischt in allen komischen Ecken ist sie auch wieder, und meine Frau und ich wissen beide bis auf weiteres, wo was ist und was da es alles so gibt. Ich schreibe Ihnen dies, weil ich mitten beim Umräumen festgestellt habe, dass das Küchenumräumen im Kleinen so etwas wie eine Lebensbilanz ist. Was sich bewährt hat, haben wir behalten, was sich als unnütz erwiesen hat, haben wir verworfen, und was uns an verschiedene Situationen und Menschen erinnert, hat einen Ehrenplatz bekommen.
Ich finde, das Erntedankfest ist (ganz ohne Küchenumräumen) so ein Anlass, darüber nachzudenken, was im bis dahin vergangenen Jahr gut war, was nicht so gut war, was sich gelohnt hat, was wir besser sein gelassen hätten, und was uns vielleicht sogar belastet wie die überflüssigen Marmeladengläser oder die abgelaufenen Lebensmittel. War 2008 für Sie ein gutes Erntejahr?
Ich wünsche es Ihnen. Aber selbst, wenn es das nicht war, hilft das Bilanzieren weiter, das Trennen vom Ballast, das Festhalten an dem, was wichtig ist, und etwas mehr Abstand zu dem, was vielleicht einmal wichtig war, es jetzt aber nicht mehr ist.
Dann wird mit Gottes Segen und seiner Hilfe eben das nächste Jahr wieder ein gutes Erntejahr. Alles Gute dazu wünscht Ihnen
Ihr Pastor Peter Handrich
Pastor Peter Handrich, wohnhaft in Mulsum bei Fredenbeck, unterstützt das Pfarramt in Cadenberge bereits seit Sommer 2007. Für die Zeit der Vakanz der Superintendentenstelle ist erauch in Warstade tätig, um Pastor Uwe Erdmann für seinen Dienst als stellvertretender Superintendent zu entlasten.
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