Freiheit und Geborgenheit
Wenn einer im Urlaub am Meer steht und die Weite genießt, weit weg von den Zwängen des Alltags und der Enge der eigenen Wohnung in der Stadt, dann mag er sich scheinbar grenzenlos frei fühlen. Sommer und Sonne, Wind und Meer - Freiheit!
Aber wer mitten auf dem Meer ist und außer Wasser nichts anderes mehr um sich herum hat, der kann sich verloren vorkommen, mitten auf dem oft auch bedrohlichen Wasser. Denn dann fehlt all das, was Geborgenheit und Nähe verspricht, was einem Halt und Schutz geben könnte. So eindeutig ist das also nicht mit der Freiheit.
Aber sicher ist: Wir brauchen beides, die Freiheit und die Geborgenheit, den Halt, der uns hilft zu leben. Um beides geht es in dem Monatspruch für den Juli aus dem 139. Psalm, einem der großen Texte der Bibel. Dort heißt es:
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!
Ich habe ein für uns gerade sehr aktuelles Bild vor Augen: Meine große Hand und darin der kleine Kopf unserer gerade erst geborenen Tochter. Dieses kleine Kind, noch so zerbrechlich und ganz und gar auf unsere Hilfe als Familie angewiesen. Ich möchte sie bergen und schützen und Gefahren von ihr abhalten, möchte für sie da sein und möchte meine Hand schützend über sie halten. Ich möchte Schutz, Geborgenheit und Nähe geben, wie für die anderen auch.
Aber ich weiß eben auch, dass ich mir das alles ganz fest vornehmen und unsere Kinder doch nicht vor allen Gefahren beschützen kann, weil es Dinge gibt, die größer sind als ich oder weil nicht jeder gute Vorsatz gelingt.
Wer ist dann aber da, wenn ich es nicht bin, wenn ich nicht aufpasse, wenn ich an meine Grenzen komme?
Gott ist da! Immer und überall! Und plötzlich ist da das Bild seiner großen Hand, die uns tragen kann und will. Nähe und Geborgenheit und Halt möchte er geben, so dass keiner in bedrohlicher Weite und Haltlosigkeit unterzugehen braucht. Ein schönes Bild ist das, besonders wenn wir kleine Kinder vor Augen haben, gerade am Beginn ihres Lebens. Ältere Kinder und Jugendliche sehen das dann oft schon anders: Eine Hand, die von allen Seiten um einen herum ist? Vielleicht doch eher nicht. Da sind doch meist ohnehin schon genug Hände, oft mit erhobenem Zeigefinger, die die Freiheit einschränken und aus Geborgenheit Enge werden lassen. „Halt, bis hierhin und nicht weiter!" Verbote und Einschränkungen, wohin man auch guckt: Kein Alkohol an Jugendliche und die Fete muss man verlassen, bevor es richtig lustig wird - nur weil man zu jung ist.
Und dann sind da viele Augen, die genau hinsehen und aufpassen und weitersagen, Nachbarn, Eltern, Lehrer, Verwandte: „Hat ihr Sohn etwa schon wieder eine neue Freundin?" „Die Leistungen ihrer Tochter in der Schule waren auch schon mal besser, oder?" usw, usw. Und dann auch noch Gott, der immer um einen herum ist, überall, mit seiner großen Hand, die mich sogar hält?
Muss er denn tatsächlich immer hingucken, beim ersten Kuss zum Beispiel, den doch wirklich nicht jeder sehen muss? Kann er nicht auch mal wegsehen? Gott macht plötzlich Angst und erscheint wie einer, der jeden Spaß verderben will und einschreitet, bevor es spannend wird. ,Hände weg!' mag da manch einer sagen!
Vielleicht muss man tatsächlich ein Stück seines Lebens mit diesen alten Worten leben und sie immer wieder neu bedenken, um zu begreifen, dass bei Gott ja gerade beides zusammen kommt: Die Freiheit und die Geborgenheit! Es gehört sicher das Vertrauen zu Gott dazu, dass er es sich gut mit mir gedacht hat und denkt, um dies für sich annehmen und begreifen zu können. Ich kann vor Gott nicht weglaufen, weil er mich überall findet, weil er an jedem denkbaren Ort um mich herum sein will. Aber ich brauche es vor allem auch nicht, weil er mich nicht bedroht, mich nicht mit strafendem Blick verfolgt oder nur auf den nächsten Fehler wartet.
Er sieht meine Wege mit allen Möglichkeiten und Grenzen als einer, der zur Vergebung bereit ist und auch Irrwege mitgeht. Er will mich nicht einsperren. Aber er möchte mir Halt, Nähe und Geborgenheit geben, die wie ein Rahmen sind, in dem ich die Freiheit meines Lebens erst so richtig finden kann! Ein kleines Kind in den großen Händen der Eltern ist dafür ein schönes Bild! Ebenso wie die Weite des Meeres im Sommer für die Freiheit unseres Lebens. Beides brauchen wir: Geborgenheit und Freiheit. Beides finden wir in Gottes bergender Hand!
Eine schöne Sommerzeit, in Freiheit und Geborgenheit, wünscht Ihnen und Euch
Pastor Jens Monsees
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