Ich würde zu gern wissen, was der kleine Chris zur großen Sonnenblume vor der Superintendentur in Cadenberge sagt. Vielleicht: „Mensch, bist Du aber riesig!” Klein wirkt der Zwerg neben dem Blumenriesen. Und groß ist wohl sein Stauen über das, was da der kirchliche Blumengarten in diesem Jahr hervorgebracht hat.
Gelingt Ihnen das manchmal noch, dass Sie staunend und verwundert diese Welt betrachten? Oder haben sie schon längst keine Augen mehr für die Schönheit des Alltäglichen. Vielleicht ist der Blick auch verstellt, weil sich andere Riesen des täglichen Lebens davor gestellt haben. Der Klimawandel macht uns Angst. Geht es wirklich so rasant, dass in einigen Jahren die Meeresspiegel steigen? Wir brauchen gar nicht die Elbvertiefung - die Gefahr für die Deiche und das Küstenland kommt ohnehin?
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Die Lebensmittelskandale verunsichern uns. Was kann man eigentlich ohne Vorbehalte essen? Verbirgt sich hinter dem günstigen Preis noch Qualität oder wird uns da Fleisch von vorgestern aufgetischt? Sieht der Apfel so frisch und knackig aus, weil er gerade vom Baum gekommen ist oder weil seine Schale ein raffiniertes Konservierungsmittel enthält, das auch mit neuester Technik kaum nachweisbar ist ... Bei Lebensmitteln denken wir schon lange global: Weil die Kaffeepflücker zu Hungerlöhnen arbeiten, können wir das morgendliche „Verwöhnaroma” für ein Schnäppchen bekommen. Und auch der Tee, mit denen ich die ruhigen Stunden des Tages genieße, ist vielleicht von Kinderhänden gepflückt worden, die eigentlich in der Schule einen Stift halten sollten. Nun ist es aber auch umgekehrt: Plötzlich geht bei uns der Preis in die Höhe, weil die Chinesen die Milch entdeckt haben. Dabei bekommt ihnen das Kuhprodukt angeblich gar nicht. Aber der rote Riese hat Nachholbedarf. Und wenn jeder Chinese nur eine Tasse Milch trinken würde, wären die Molkereien Europas trocken gelegt, so hört man ...
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Ich muss gestehen, bei diesen Gedanken und Szenarien fällt mir der staunende Blick auf den Blumengarten schwer. Ist das Leben nicht viel zu kompliziert als dass man einfach nur staunen und sich wundern kann. Ist das nicht etwas für Kinder, für Chris und die anderen Kids aus der Claus-Meyn-Straße, die sich das Riesenwunder in ihrer Nachbarschaft betrachten? Erntedank steht vor der Tür. Der Tag im Jahr, der uns staunen lassen will. Der uns an die kleinen und großen Wunder des Lebens erinnern will. Der uns einladen will, mit großen Augen Gottes Schöpfung zu betrachten, um dann zu sagen: „Mensch, ist diese Welt riesig!” Ich glaube, genau das meint der Psalmbeter, der seinem Gott dankt mit den Worten: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.” (Ps 139,14) Da sieht jemand mehr als die Sorgen und Nöte dieser Welt. Da staunt jemand über sich selbst, aber auch über diese ganze Welt. Da erlebt sich jemand selbst als Wunder der Schöpfung, aber genauso den kleinen Marienkäfer, das Gänseblümchen, das Korn für das tägliche Brot und den Wein, der des Menschen Herz froh macht. Erntedank, das ist der Tag, der uns einlädt, die Augen zu öffnen für die Güte des Lebens, für den Reichtum, die Vielfalt. Erntedank lässt uns staunen und danken. Und wer dankt, der denkt nach. Der denkt nach, wem der Dank gebührt. Nicht dem Menschen, der veredelt und vergiftet, der erntet und die Gene verändert. Gott ist der Ursprung des Lebens, der mit seiner Liebe zu für die Güte und die Qualität seiner Schöpfung einsteht. Wenn meine Seele das doch erkennen würde! Dann, ja dann wäre sie auch frei, um mit klarem Kopf über die Zusammenhänge des Lebens und der Wirtschaft nachzudenken und mit kleinen Schritten Wege zu gehen, um die Schöpfung zu bewahren oder einen fairen Preis zu bezahlen. Erntedank kann uns die Augen öffnen! Schauen sie genau hin und staunen Sie!
Ihr Bert Hitzegrad
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