Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Mit vollen Händen das Glück greifen ... so erlebe ich Günther Fastert auf dem Titelphoto, der stolz und dankbar ist für seine Kartoffelernte. Als Landwirt lebt er vom „Gold des Ackers”, er lebt aber auch mit den Kapriolen des Wetters, von der zusätzlichen Kraft des Düngers und von den aktuellen Marktpreisen. Als Landwirt spürt er ganz direkt den Zusammenhang von Saat und Ernte, Anbau und Wachstum, Sommerhitze und Wolkenbruch ... Er sieht den Zusammenhang von Arbeit und Früchten der Mühe. Doch er weiß auch: Wir Menschen haben nicht alles in der Hand - auch wenn er nun die Ernte 2006 in Händen hält. Beim Erntedank kommt genau das zum Ausdruck: Dass wir erleben, dass wir immer Beschenkte sind und von guten Gaben leben, die wir nicht allein zu verantworten haben! Schön, dass uns Günther und Liane Fastert in diesem Jahr einladen, auf ihrem Hof in Westerham gemeinsam das Erntedankfest zu feiern.

Vielleicht werden wir dann auch den alten Choral anstimmen: „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen” (EG 321). Ja, bei den Kartoffeln ist nicht nur das Glück mit Händen zu greifen, auch der Dank!

Doch wer ist heute noch Landwirt? Wer versorgt sich mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten? Wer kennt ihn noch so direkt - den Zusammenhang vom Fertiggericht aus der Mikrowelle und den Produkten der Landwirte. Es soll Kinder geben, die den Joghurt im Kühlschrank und den Käse auf dem Pausenbrot nicht mit den buntgescheckten Kühen auf der Weide in Zusammenhang bringen. Und wir Erwachsenen - verstehen wir immer die Diskussion um die Genmanipulation oder den Verkauf von Milchquoten an der Börse ...?
Die Welt ist nicht mehr so einfach, dass man im Choral unbedenklich weitersingen kann von Gott, „der große Dinge tut an uns und allen Enden!”

Die meisten von uns sind keine Landwirte. Und doch leben wir von den Produkten der Landwirtschaft und von dem, was wir nicht anbauen, was wir nicht ernten. Und deshalb müsste jeder Tag ein Erntedanktag sein! Deshalb meine Frage: Haben Sie heute schon gedankt? Haben Sie heute schon erlebt, dass Ihnen etwas geschenkt wurde? Wenn nicht, dann halten Sie einen Augenblick inne und überlegen, woher der Toast zum Frühstück kam und die Tasse Kaffee dazu. Woher haben Sie den Mantel, der Sie bei der beginnenden Herbsteskälte schützt? Und die Wärme, die Sie genießen, wenn Sie am Abend in geheizten Räumen sitzen?
Natürlich: Dafür haben Sie bezahlt, das haben Sie reell erworben, also warum danken? Weil der Dank das Leben wertvoll macht. Im Choral „Nun danket alle Gott” heißt es weiter von Gott: „Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zugut bis hierher hat getan!”

Wer den Blick dafür hat, der wird dankbar und dessen Leben wird unendlich reich auch wenn die Ernte einmal nicht so gut ausfällt oder die Fülle des Lebens für einen Augenblick verebbt. Dieser Dank wird auch in die Hände gehen - „mit Herzen, Mund und Händen”. Wenn man mit vollen Händen das Glück des Lebens und das Gold des Ackers greifen kann, dann sollte man die Hände auch falten und danken. Gott danken. Am Erntedanktag - und jeden Tag neu.

Ihr Bert Hitzegrad