Lieber Leserinnen, liebe Leser!
Sie kennen alle das Lied „So nimm denn meine Hände“. Bei Beerdigungen ist es wohl das Lied, das am meisten gesungen wird. Viele mögen die Melodie und die Worte, manche sagen jedoch auch: „Es ist zu sentimental und es erinnert immer an den Tod!“
Es war allerdings nicht immer so, dass die Verbindung von dem Lied zur Beerdigung so eindeutig ist. Einige der „Goldenen Paare“, diejenigen, die vor 50 Jahre geheiratet haben, erinnern sich, dass bei ihrer kirchlichen Trauung dieses Lied auch gesungen wurde. Dann wurde wohl die erste Zeile als Wunsch und Versprechen der Eheleute verstanden, „in guten wie in schlechten Zeiten“ beieinander zu bleiben: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!“
Lange Zeit hatte ich zu diesem Lied keine Beziehung. Doch im Laufe meines Dienstes als Pastor habe ich gemerkt, wie gut es tut, dieses Lied mit der Melodie von Friedrich Silcher zu singen und wie schön das Bild ist von den Händen ist, die gehalten werden. Und nicht zu letzt hat sich mein Verhältnis zu diesem Lied geändert, seitdem ich die Entstehungsgeschichte ein wenig besser kenne. Julie Hausmann, so steht es unter dem Lied mit der Nr. 376 im Evangelischen Gesangbuch, hat 1842 die Verse gedichtet.
Ungewöhnlich ist es schon, dass eine Frau diese Zeilen geschrieben hat. Ungewöhnlich für die Zeit, ungewöhnlich aber wohl nicht für den gefühlvollen Inhalt. Julie Hausmann, die Tochter eines Lehrers aus dem Baltikum, hatte sich in einen Theologen verliebt. Doch ihr Auserwählter wollte nicht Gemeindepastor werden, sondern als Missionar nach Afrika gehen. Sein Abreisetermin steht schon fest, als die beiden sich kennen lernen. Die beiden verloben sich, und dann geht der junge Missionar auf die Reise. Bald danach folgt Julie ihrem Verlobten. Sie nimmt die strapaziöse Schiffsreise auf sich mit der frohen Erwartung vor Augen: Sie wird ihren Liebsten wieder sehen. Doch der erwartet sie nicht im Hafen. Stattdessen wird sie auf den Friedhof der Missionsstation geführt: Ihr Verlobter war kurz vorher an einer Epidemie gestorben.
Noch am gleichen Abend - so heißt es - setzt sich Julie Hausmann hin und dichtet ihr Lied, in dem es in der dritten Strophe heißt: „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht: So nimm denn meine Hände ...!“ Damit hat sie ein Lied voller Vertrauen und Glauben geschaffen, das ihr sicherlich auf ihrem schweren Rückweg von Afrika geholfen hat, das aber auch mit der bewegenden Melodie heute für viele Menschen, die Abschied nehmen, Trost und Halt gibt. Und mit dem kindlichen Vertrauen, dass sie an die Hand genommen wird, dass ihre Hände gehalten werden und sie ihren Weg sicher gehen kann, hat sie eine wichtige Erfahrung weitergegeben, die sicherlich auch viele Menschen nach ihr und vor ihr gemacht haben.
Auch ich musste lernen, wie wichtig es sein kann, einfach die Hand eines Menschen zu halten. Dies waren Situationen am Bett eines kranken oder sterbenden Menschen. Worte kamen nicht mehr an, aber die Hände, die den leidenden Menschen streicheln, segnen oder einfach nur seine Hände halten und Wärme und Nähe spüren ließen.
Nicht selten habe ich dann auch erlebt, dass meine kalten Hände nach der Fahrt mit dem Fahrrad wieder warm wurden, und ich also etwas erhielt, obwohl ich etwas geben wollte ...
In der ersten Strophe von Julie Hausmanns Lied heißt es: „Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst geh’n und stehen, da nimm mich mit!“ Auch wenn viele Menschen, denen ich die Hand gehalten habe, nicht mehr gehen konnten, sie haben doch gespürt, dass sie nicht allein waren auf ihren schweren Weg. In der Jahreslosung für das Jahr 2006 sagt uns Gott: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!“ (Jos 1,5b). Genau dass wollen die Hände sagen, die wir einem Menschen auf seinem solchen Wegen reichen: „Ich verlasse dich nicht!“ So wie Gott es zugesagt hat, so wie er es uns immer wieder zeigt. Die Passions- und Osterzeit erinnert uns daran: Im Leiden und im Sterben reicht uns Gott die Hand und zieht uns aus dem Grab dem Himmel entgegen. Diesem Gott kann ich vertrauen, ihm kann ich mein Leben und mein Sterben anvertrauen und sagen und singen: „So nimm denn meine Hände und führe mich ...!“
Doch wir brauchen auch Menschen, die uns die menschliche Nähe und Wärme spüren lassen. Gerade auf den Wegen, die letzte Wege sind in unserem Leben. In diesem Gemeindebrief haben wir deshalb dieses Thema aufgenommen: Die Vorsorge für diese letzten Wege durch eine „Patientenverfügung“. Unterschiedliche Menschen kommen zu Wort, die ihre Erfahrung mit solch einer „Verfügung“ weitergeben. Sie alle machen deutlich, wie wichtig es ist, sich mit diesem Thema zu befassen. Wie wichtig es aber auch ist, dass Menschen da sind, denen wir vertrauen und die unsere Hand halten bis zum letzten Atemzug.
Als Julie Hausmann ihr Lied zur Veröffentlichung schickte, da schrieb sie in einem Begleitschreiben: „Sollte auch nur ein Herz durch dieses schwache, unvollkommene Lied erfreut werden, so wäre es ja eine Gnade, deren ich nimmer wert bin, für die ich immer wieder singen und loben wollte mein Leben lang.“
Ich glaube mit ihrem Lied hat sie viele „Herzen“ getröstet und das Vertrauen gestärkt, dass wir uns „gänzlich stille“ (Strophe 2) in die Hände Gottes fallen lassen können. Dass wir aber auch auf Menschen bauen können, die uns und unsere Hände halten, dann wenn uns nichts mehr hält auf dieser Welt.
Ihr Pastor Bert Hitzegrad
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