So nimm denn meine Hände

Die Frage gehört bei mir zu jedem Trauergespräch dazu: „Und welche Lieder möchten sie singen?" Manchmal heißt es dann: „Wir sind bei der Beerdigung nur im engsten Familienkreis zusammen. Keiner von uns wird singen können ..." Andere Familien sagen auch: „Machen Sie einen Vorschlag, wir kennen uns da nicht so aus." Oder es kommt spontan die Antwort: „,So nimm denn meine Hände' - das Lied muss auf jeden Fall dabei sein - das kennt jeder, da können alle mitsingen."

Ich finde Singen wichtig, wenn wir Abschied nehmen müssen. Dann werden alte Kirchenlieder zu Protestliedern gegen den Tod und die Traurigkeit oder das Gefühl, verlassen zu sein - „Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir". Dann sagen mir wohltuende Melodien: „Von guten Mächten wunderbar geborgen." Oder sie nehmen mich hinein in einen tiefen Glauben, den Menschen durch viele Generationen hindurch schon gewagt haben und der ihrem Leben einen Halt gegeben hat: „So nimm denn meine Hände und führe mich." Früher ist dieses wohl populärste Beerdigungslied sogar bei Hochzeiten gesungen worden, berichten die Ehepaare, die die goldene oder diamantene Hochzeit feiern. Heute wird es fast ausschließlich nur noch auf Beerdigungen gesungen. Und obwohl ich es als Pastor oft singen muss, ist für mich die Melodie von Friedrich Sucher und der Text von Julie Hausmann immer noch tröstlich.

Das hat vor allem mit zwei Dingen zu tun: Mit dem schönen Bild vom Nehmen und Halten der Hände. Und mit dem Hintergrund des Liedes, hinter dem die dramatische Geschichte der Julie Hausmann steht. Gerade wer schon einmal am Bett eines kranken und sterben­den Menschen gesessen hat, weiß wie wichtig die Hände sind, die halten und wärmen und Geborgenheit und ein Stück Sicherheit geben. Auch dann, wenn man keine Worte mehr findet, dann sagen Hände so viel von Nähe und Zuwendung. Wenn wir hier einen lieben Menschen nicht mehr halten können, dann ist es gut zu wissen, dass Gott ihm die Hände reicht, dass seine Arme für ihn geöffnet sind. Dass Gott ihr die Hände reicht, darauf vertraute wohl auch Julie Hausmann als ihre Lebensplanung plötzlich in sich zusammenbrach, und sie nicht wusste, was werden wird.

Sie hatte sich in Deutschland mit einem Missionar verlobt, der vor ihr zurück nach Afrika fuhr. Die junge Verlobte reist ihm nach. Die strapaziöse Schiffsreise übersteht sie nur, weil das baldige Wiedersehen ihr Kraft gibt. Doch der Verlobte steht nicht wie erwartet am Kai. Julie Hausmann wird von Mitarbeitern der Missionsstation abgeholt und zu einem Friedhof geführt. Drei Tage vor ihrer Ankunft war ihr Verlobter beerdigt worden. Er war an einer Epidemie gestorben. Noch am gleichen Abend - so wird erzählt - setzt sich Julie Hausmann hin und dichtet im Jahr 1862 die bekannten Zeilen: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit." Das ist ihre Antwort auf den Tod, das ist ihre Antwort auf den Verlust des liebsten Menschen, mit dem sie eine Familie gründen wollte, dem sie hierher in die Mission gefolgt war, an dessen Grab sie nun stand. Ihre Frage war offensichtlich nicht: „Warum? Warum lässt Gott es zu?" Ihre Frage war: „In wessen Hände lege ich jetzt mein Leben?" Ihre Antwort, eine Antwort des Glaubens und des Vertrauens, war: „Allein in Gottes Hände. Er wird mich nicht verlassen. Er wird mich führen. Jetzt und ewiglich." So nimm denn meine Hände...

Ich hoffe und wünsche, dass Sie jemanden haben, der Ihre Hand in aller Traurigkeit hält und Ihnen Nähe schenkt. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie Gott an Ihrer Seite entdecken, der uns nicht loslässt in Zeit und Ewigkeit.

Bert Hitzegrad