Liebe Leserinnen und Leser!

Der Auftrag seines Lebens! Das würde den Durchbruch für ihn bedeuten. Der Architekt rieb sich die Hände, als er die Anfrage bekam. Ein Bauprojekt der Superlative. Beim ersten Treffen kamen die Fakten auf den Tisch, die Auftraggeber formulierten ihre Vorstellungen: „Bauen Sie uns einen Turm mit einem Durchmesser von vier Metern. In das Bauwerk müssen Treppen und Gänge integriert werden. Ein verzweigtes Leitungssystem und Lastenaufzüge dürfen nicht fehlen. Die Wände dürfen maximal einen halben Meter dick sein. Mit der Höhe des Turms wollen wir Maßstäbe setzen: Er soll 1500 Meter weit in den Himmel ragen." Doch damit nicht genug: „Unsere Ansprüche gehen noch weiter: Der Turm soll nach allen Seiten biegsam sein, dem Wind ganz flexibel standhatten Und auf der Spitze des Turms wollen wir eine komplette Chemiefabrik unterbringen."

- Die Vorfreude des Architekten sank rapide. Sofort war ihm klar, dass er diesen Wunsch nicht erfüllen konnte. Das widersprach allen Regeln der Baukunst.
Umso erstaunlicher: Diesen Turm gibt es wirklich! In unzähliger Ausführung. Von einem Getreidehalm ist die Rede. Er ist ungefähr 400 mal höher als sein Durchmesser. Die Wand des Halmes ist einen halben Millimeter stark, der Durchmesser liegt bei 4 Millimetern, seine Höhe bei etwa 1,50 Meter. Im Inneren des Halmes befinden sich Treppen und Gänge. Transportaufzüge für Nährstoffe und Wasserleitungen sind vorhanden. Oben auf dem Halm, in der Ähre, steckt eine chemische Fabrik.

Ein Blick auf den Getreidehalm zeigt mir: Das meist so Selbstverständliche ist doch letztlich ein einziges Wunder, Auf den ersten Blick unscheinbar, doch beim genaueren Betrachten faszinierend. Und deshalb feiern wir in diesen Wochen wieder Erntedank. Eine gute Möglichkeit, einmal innezuhalten. Das vermeintlich Selbstverständliche noch einmal genauer anzuschauen. Die vielen kleinen Wunder unserer Schöpfung ganz neu entdecken. Z.B. einen Getreidehalm in den Blick nehmen. Mitten in einem großen Feld fällt er gar nicht auf. Und doch ist jeder einzelne von ihnen ein Meisterwerk.

Mich versetzt das neu ins Staunen. Und es macht mich dankbar, dass ich an so vielen Stellen davon profitieren darf. Daher Erntedank. Ich entdecke hinter dem Selbstverständlichen Gott. Gott, der hinter seiner Schöpfung steht, der sie jeden Tag erhält. Auch für mich. Mit dem Psalmbeter möchte ich sprechen:

„Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und dieErde ist voll deiner Güter."

(aus Psalm 104)

Ihr Vikar Jens Ubben



Letzte Änderung am Samstag, 28. April 2012 um 16:07:15 Uhr.