Mensch, wo bist Du?

Das ist die Frage. Aber wer stellt sie eigentlich? Und wer ist gemeint? Geht es um einen konkreten Menschen? Kenne ich ihn? Eine Frage, „Mensch, wo bist Du?“, und statt Antworten zu bekommen, stellen sich neue Fragen.

‚Mensch, wo bist Du?’ fragen wir uns ganz allgemein in unserer heutigen Zeit, wo viele sagen, dass unsere Gesellschaft unmenschlicher geworden ist. Wo ist der Mensch, der er eigentlich sein könnte, wenn wir an die großen Tragödien und Katastrophen unserer Tage denken? Da fegte etwa vor einigen Jahren ein Wirbelsturm über die Südküste der USA, besonders über die Millionenstadt New Orleans, und viele Menschen gerieten in Not. Sie konnten erst nach Tagen wieder zu ihren Häusern und Grundstücken und mussten nicht nur sehen, dass alles kaputt war, sondern auch, dass die Plünderer schon längst am Werk gewesen waren. Unglaublich! „Mensch, wo bist Du?“

Da steht ein Mann vor Gericht, weil er in einer Kleingartensiedlung drei Menschen erschlagen hat, und dies, weil sie sich seit Jahren über die richtige Entsorgung von Gartenabfällen nicht einig waren. Der Mann hat dann die schwerverletzten Opfer einfach liegen lassen. Darum sind sie schließlich gestorben. Vor Gericht, so hieß es, zeigte er nur wenig Reue. Er hielt sich offenbar für einen korrekten Menschen. „Mensch, wo bist Du?“ In einer solchen Situation, wo einem alle Sicherungen durchbrennen und alle Menschlichkeit scheinbar spurlos verschwindet.

Da hungern nach wie vor unheimlich viele Menschen in Afrika und haben keine Perspektive für sich und ihre Familien, besonders dann, wenn sie auch noch an AIDS erkrankt sind und keine die Krankheit wenigstens eindämmenden Medikamente bekommen. Und wir Menschen der ersten Welt blenden all dies gern aus. „Mensch, wo bist Du?“ So mag manch einer aus Afrika fragen, wenn er sieht, dass noch immer nicht alles getan wird, was möglich wäre, damit Hunger und Ungerechtigkeit verschwinden. „Mensch, wo sind wir da eigentlich? Du und ich, sie und alle anderen? Wo ist unsere Menschlichkeit, wenn uns die schlimmen Bilder erreichen und wir einfach nur weiter zappen?

Da wird ein Mensch gemobbt, bei der Arbeit und in der Schule. Alle hacken auf ihm herum, auf dem willkommenen Opfer, das sich schon gar nicht mehr so richtig wehrt, damit es nicht noch schlimmer wird. Und wenn dieser Mensch dann doch mal ausrastet, dann wundern sich alle. „Mensch, wo bist Du?“ Wo hast du deine Menschlichkeit versteckt? Und manch einer fragt sich das auch in diesen Zeiten, wo alle von der Krise reden und wo zugleich immer noch einige wenige viele andere abzocken und versuchen aus dieser Situation Profit zu schlagen. „Mensch, wo bist du bloß?“

Wer fragt hier denn nun wirklich? Gott fragt hier! Er fragt Adam und Eva im Paradies, nachdem sie die Grenzen überschritten haben, die Gott ihnen gesetzt hatte. Sie haben sich versteckt, weil sie gemerkt haben, dass sie ein Stück Menschlichkeit, die Gott ihnen gegeben hatte, aufgegeben haben. Und nun sitzen sie da So heißt es im 1. Mosebuch im 3. Kapitel: Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: ‚Wo bist du?’
Wir Menschen mögen ja manchmal selbst fragen, wo sie bleibt, unsere Menschlichkeit, das eben, was uns zu Menschen macht: Das Mitgefühl, die Solidarität, die Nächstenliebe, das Vertrauen, die Versöhnung. Aber hier fragt Gott den Menschen, nicht nur den ersten, so wie es die Bibel in ihrem ersten Buch berichtet. Nein, er fragt uns, dich und mich, sie und alle, auch heute. Er fragt uns, wie ernst wir es denn nehmen mit dem, was er uns sagen will, mit der Hilfe, die er geben will, mit den Geboten, die Konfirmanden manchmal stöhnend lernen, mit denen Gott uns aber auf unserem Weg helfen möchte. Und wir merken, dass wir es oft nicht so genau nehmen mit dem, was Gott Menschen sagen will, mit dem, was er für uns bereit hält, mit dem, was er uns schenken möchte.

„Mensch, wo bist Du?“ Wir sind gemeint, jeder und jede. Aber, und das ist das Wunderbare, nicht nur, damit uns alle unsere Unzulänglichkeiten um die Ohren gehauen werden, sondern vor allem sind wir gemeint als die, nach denen Gott sich sehnt und die er deshalb ruft. Und offenbar hört er einfach nicht auf, uns Menschen zu rufen, solange die Erde steht, bis heute hin. Gott ruft, und wir sind gemeint! Du und ich, sie und alle anderen! Wir sind die, die er ruft und für die er an jedem einzelnen Tag in enger Gemeinschaft mit ihm da sein will, liebevoll, aber nicht ohne uns auch zu hinterfragen, unsere Wege zu durchkreuzen und uns dann zu neuen Ufern zu schicken, z.B. hin zu denen, die mit uns unterwegs sind und zu denen, die unsere Hilfe als Christenmenschen brauchen, hier bei uns und in aller Welt.

„Mensch, wo Bist Du?“ Das ist die Frage, an jeden und jede von uns. Und es ist die Frage beim 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 20.-24. Mai in Bremen. Diese Worte sind die Kirchentagslosung, und sie geben uns einiges zum Nachdenken auf. Vielleicht haben Sie ja Lust, in Bremen weiter zu denken, zu reden, zu beten – auf dem Kirchentag. Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen und Euch,

Ihr / Euer Pastor
Jens Monsees



Letzte Änderung am Samstag, 28. April 2012 um 16:07:10 Uhr.