Liebe Leserinnen und Leser!
Ich erinnere mich noch mit etwas Gänsehaut an eine Wanderung mit einer Jugendgruppe durch die österreichische Bergwelt. Ein klarer Tag, ein strahlender Himmel. Wir starteten frühmorgens - immer das Ziel vor Augen, den Berggipfel in 2244-Meter-Höhe. Als wir an die 2000-Meter-Marke kamen, änderte sich plötzlich das Wetter. Eine Wolkenbank schob sich über den Berg, und wir saßen von der einen auf die andere Minute in Nebel und Kälte. Niemand von uns unerfahrenen Bergtouristen hatte mit dem Wetterwechsel gerechnet. So froren wir, weil uns die Kleidung fehlte. Noch schlimmer: Uns war jegliche Orientierung genommen. Noch nicht einmal die farbigen Markierungen, die den Wander- pfad kennzeichneten, konnten wir erkennen. Wir saßen fest. Doch zum Glück dauerte das kleine Dra-a, das wir erlebten, nur eine kurze Zeit. Die Wolken rissen wieder auf. Und was wir als erstes sahen, war das Gipelkreuz, das aus dem Wolkennebel auftauchte. Mit dem Kreuz hatten wir unsere Orientierung bald wieder gefunden. Und die freundliche Wärme durch die Sonnenstrahlen stellte sich auch bald wieder ein.
Orientierungslos. Der Beter des 121. Psalms muss diese Erfahrung auch gemacht haben: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?” Doch seine Frage ruft er nicht einfach gegen das Bergmassiv und dann kommt seine Frage nur als Echo zurück. Nein, er betet zu seinem Gott und hat das Vertrauen: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!” So als würde er im Nebel seines Lebens etwas entdecken, was ihm Orientierung, Kraft und Wärme gibt. Ein Ziel, das ihm die Richtung weist. Wie das Kreuz oben auf dem Berg.
Die Bergwelt Österreichs kennt ja nicht nur die Gipfelkreuze in ferner Höhe, sondern auch Wegkreuze, die den Wanderer an die Nähe und Wegbegleitung Gottes erinnern. Auf manchmal steilen und rutschigen Wegen, manchmal im Nebel verborgen, manchmal von der Sonne beschienen vor einem grandiosen Bergmassiv - immer wieder Hinweise auf das Vertrauen des Psalmbeters: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn!”
Ich glaube, wir brauchen solche Wegmarken auch in unserem Alltag. Nicht nur in den Urlaubstagen, wenn wir ferne Welten entdecken, sondern auf den täglichen Wanderungen durch das wechselvolle Leben. Bei uns im nüchternen protestantischen Norden finden sich kaum Wegkreuze. Doch für mich sind die Kirchtürme, die aus der flachen Marsch in den Himmel ragen immer wieder deutlich sichtbare Zeichen, die auf den hinweisen, der „Himmel und Erde gemacht hat”, der Himmel und Erde verbindet. Oder die tägliche Losung, der Bibelvers für jeden Tag, kann solch ein Wegzeichen sein, um eine Orientierung zu finden. Ein Ziel, das sich lohnt, zu verfolgen. Ein Vertrauen, dass die Wege - mögen sie manchmal noch so unsicher sein - keine einsamen Wege sind, sondern immer wieder Wege an der Seite Gottes. Am Ende des 121. Psalms wird solch ein Ziel benannt - mit dem Wunsch, dass die Wege bis dorthin unter Gottes Schutz und Segen stehen: „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.”
Egal wohin die Wege Sie in diesem Sommer führen - in die hohe Bergwelt, an flache Küsten oder in die Idylle des eigenen Gartens - es mögen gute und behütete Wege sein mit dem Vertrauen, dass Gott Ihr Wegbegleiter ist.
Ihr Pastor Bert Hitzegrad
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