Bin ich Zuhause?
Meine Verwunderung war riesengroß und ich dachte, ich bin in der St-Nicolai-Kirche in Cadenberge. Dabei waren wir gut 600 km in südöstlicher Richtung unterwegs. Wir - eine kleine Delegation aus Cadenberger beim 275.-Kirchweihfest in Deutschneudorf. Meine Frau, Kai Rudl und ich hatten uns auf den Weg gemacht, um wenigstens für zwei Tage in unserer Partnergemeinde im Erzgebirge zu sein.
Dort wurde dieses kleine Jubiläum für gut eine Woche gefeiert. Den Abschluss bildete ein festliches Konzert mit den Bläsern, dem Chor und Solisten. Kai Rudl spielte einen Gruß auf der Orgel und ich sagte die passenden Worte dazu (ein Psalm auf Plattdeutsch, obwohl das Plattdeutsche nun nicht meine Muttersprache ist!). Das Kirchweihfest in Deutschneudorf direkt an der Grenze zu Tschechien ist für die Gemeinde immer wieder ein großes Fest. Man erinnert sich auch daran, dass die Gründung der Gemeinde durch entschiedene Christen geschah, die aus Böhmen über die Grenze gingen, weil sie in ihrer Heimat das Abendmahl nicht in der Form feiern durften, wie es für sie einzig richtig ist: mit Brot und dem Kelch.
Zum Kirchweihjubiläum gab es auch eine Ausstellung: Die „Paramente” (die Altartücher) für das ganze Kirchenjahr wurden in der Deutschneudorfer Kirche gezeigt. Und da war das Erstaunen groß, als Pastorin Dorothea Recknagel uns die bestickten Stoffe zeigte: Die Motive sind fast identisch zu den Altarbehängen in der Cadenberger Kirche - und niemand konnte es sich ganz erklären. Aber es musste ja irgendwie mit der Partnerschaft zusammenhängen.
Die Kirchenchronik von Kai Rudl in der Schrift „850 Jahre Cadenberge” gibt Aufschluss. Marianne Jantzen, die Frau des damaligen Superintendenten Werner Jantzten hatte bei einem Besuch in Deutschneudorf die Paramente gesehen. Ihr gefielen die von Deutschneudorfer Frauen selbst gestickten Motive sehr und sie bestellte die Vorlagen bei dem Freiberger Künstler. In Cadenberge machten sich nun auch Frauen, unter ihnen ihre Tochter Getrud und Elise Langner, ans Sticken. Für Frau Jantzen, der die Partnerschaft ins Erzgebirge sehr am Herzen lag, war diese eine tiefsinnige Möglichkeit, die Verbindung zwischen Cadenberge und Deutschneudorf zum Ausdruck zu bringen. In den Gottesdiensten in Ost und West (damals ja noch durch die Mauer getrennt) feiern Menschen Gottesdienste mit demselben „Kirchenschmuck”. Hinzukommen ja auch noch die Kruzifixe in Cadenberge und im St.Michaelishaus, die in Deutschneudorf geschnitzt wurden.
Jeden Sonntag ist also ein Stück Partnerschaft zu spüren. Und es ist ein schönes Gefühl auch fern der eigenen Gemeinde ein Stück zuhause zu sein.
Bert Hitzegrad
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