Es gab sie!
Hierzu ein auf Wahrheit beruhendes und persönlich erlebtes tragisches Ereignis:
Meine Einheit lag im Spätsommer 1942 im Raum Pijatigorsk (Nordkaukasus) in kurzer Ruhestellung. Am Rande eines Sonnenblumenfeldes vernahmen meine Kameraden und ich ein menschliches Wimmern und Stöhnen. Es war ein Sowjetsoldat asiatischer Herkunft, der durch Granatsplitter am ganzen Körper schwer verwundet, wohl sein irdisches Ableben herbeisehnte. Diese wehklagenden Laute klingen mir zuweilen heute noch in den Ohren, wenn man bald täglich mit den derzeitigen Schreckensszenarien konfrontiert wird. Vermutlich wurde der Sowjetsoldat, im Vertrauen auf Hilfe durch unsere nachfolgenden deutschen Truppen, einfach liegengelassen. Sicher bestand bei ihrem Rückzug keine Möglichkeit der Hilfe mehr. Seinen schwach vorbringenden russischen Lauten konnten wir entnehmen, dass er um Trinken und Erlösung bat. Um Erlösung von seinen Leiden.
Seinem flehentlichen Wunsch nach Beendigung seines jungen Lebens durch einen (sogenannten) Gnadenschuss kamen wir übereingestimmt nicht nach. Keiner von uns jungen Menschen wollte sich als Herr über Leben und Tod erheben. Wir hatten ausreichend Verbandszeug und auch Schmerzmittel zur Hand und leisteten erste Hilfe. In einem verfügbaren Kübelwagen brachten wir ihn zum nahegelegenen Hauptverbandsplatz, wo ihn unsere Ärzte, ungeachtet ob Freund oder Feind, umgehend versorgten. In der Hoffnung, dass dieser Unglückliche (etwa unseren Alters) überleben möge, haben wir ihn seinem ungewissen Schicksal überlassen, unsere Einheit musste weiter. Es wurde uns später bekannt, dass auf Veranlassung der damals human handelnden Ärzte diese Tat als „Ruhm der Barmherzigkeit” in einem der für die Truppe erscheinenden Heeresblätter kurz und eher beiläufig Erwähnung fand. In extrem kritischen Situationen im weiteren Kriegsverlauf wurde ich jeweils an unsere fürsorgliche Haltung mit dem stillen Wunsch erinnert, dass auch mir im Falle einer Hilflosigkeit durch Verwundung oder dergleichen Beistand zuteil werde. Obwohl auch ich auf Dauer behindernd verwundet wurde, habe ich in den schrecklichen Kriegsjahren göttlichen Schutz und Beistand erfahren.
Ich denke oft an diese geschilderte Tragik und frage mich manchmal, was aus diesem Unglücklichen geworden ist. Hat er in der Gefangenschaft alles überstanden, lebt er noch? Falls alles gut verlaufen sein sollte, war unsere Fürsorge nicht umsonst, sie war segensreich.
Erdmann Kawohl
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