Sonne und Sommer – das gehört natürlich zusammen. Inzwischen steht die Sonne aber auch für eine regenerative, umweltschonende und friedliche
Energieversorgung. Der Supergau von Tschernobyl liegt schon 25 Jahre zurück – die Folgen sind immer noch zu spüren. Seit der Katastrophe in Japan hat ein
Umdenken stattgefunden – auch bei vielen Politikern. Ulrich Beushausen aus der Wingst gehört seit vielen Jahren zu denjenigen, die sich öffentlich gegen die Atomkraft gewendet haben. Er hat im März dieses Jahres, nach dem Erdbeben in Japan und dem Gau in Fukuschima, auch die Mahnwachen ins Leben gerufen, die montags auf dem Marktplatz in Cadenberge stattfinden. Wir haben ihn angesichts der aktuellen Entwicklungen und der notwendigen Wende in der Energiepolitik um sein „liebstes Bibelwort“ gebeten.

Mein liebstes Bibelwort steht so nicht in der Bibel, es ist ein Gebet! Das Gelassenheitsgebet:

„Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern,
die ich ändern kann,
und die Weisheit,
das eine vom anderen
zu unterscheiden.“

(R.Niebuhr, USA,Theologe)

Seit mehr als 40 Jahren ängstige ich mich – vor der Kraft der Atome. Ich erinnere noch die Zeit, als man in Stade so stolz auf das Atomkraftwerk war, dass es sogar Überlegungen gab, die Silhuette in das Stader Wappen mit aufzunehmen. Ich wohnte eine Zeit lang 400 Meter vom Stader Atomkraftwerk entfernt. Aber
Gelassenheit? Das war schwierig. In unserem Haus hingen zwei Alarmpläne, der eine betraf einen Unglücksfall bei der DOW-Chemical. Im Falle eines schweren Unfalls sollten wir den höchsten Punkt innerhalb des Hauses aufsuchen. Der andere Alarmplan war von der KKS, dem Betreiber des Atomkraftwerkes Stade. Hier hieß es, im Notfall den tiefsten Punkt im Haus aufzusuchen und das Haus nicht zu verlassen. Die Jodtabletten sollten wir aber von einer weit entfernten Stelle abholen. Woran sollte ich erkennen, welcher Alarm gerade gemeint war?

Aber man lebt, geht seinen geregelten Tagesabläufen nach, hat die Widersprüchlichkeit nicht ständig im Kopf, denn das wäre nicht auszuhalten. Aber ändern, ja ändern wollte ich unbedingt etwas an dieser Situation. So begann ich meine Aktivitäten im Widerstand gegen Atomkraft, fing an bzw. versuchte, Dinge
zu ändern. Über Jahre, Jahrzehnte hinweg waren Anti-AKWler ein Übel. „Ökospinner“ wären wir. „Schmeißt sie rüber, über den Elektrozaun“ (in die damalige DDR) waren Sprüche, die man uns oft bei Veranstaltungen um die Ohren haute. Dann kam irgendwann Tschernobyl, dies fürchterliche Unglück in einem sowjetischen Atomkraftwerk. Auch die Deutschen waren betroffen, vor allem in Süddeutschland durch die radioaktiven Niederschläge. Auch hier im Norden waren gerade die Mütter besorgt und ratlos, was sie denn ihren Säuglingen noch an Essen geben könnten.



Mahnwache in Cadenberge 



Aber, so verlautete es damals von vielen Politikern: „Wir sind hier sicher und unsere Atomkraftwerke sind viel, viel besser als die kommunistischen.“ Noch heute führen die Strahlenfolgen besonders in einigen Regionen Bayerns zu Verzehrverboten von Wild und Pilzen. Ich konnte es nicht ändern, aber versuchen
musste ich es weiterhin. Demonstrationen in Brokdorf mit schlimmen Verletzungen bei Demonstranten, ich war mit dabei so oft es ging, eingebunden in eine Gruppe von zwischenzeitlich mehr als 80 Menschen aus dem Landkreis Cuxhaven. Diese hatten die Bürgerinitiative „Provinz gegen Atomanlagen“ gegründet und gaben sich untereinander Halt, emotionale Sicherheit und Zuversicht. Es war kein Kampf gegen sondern für etwas! Für das Bewahren, für das Leben. Und was war mit der Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden; welche Dinge können wir ändern, welche nicht? Die Politikerworte waren beschwichtigend,
verharmlosend. Bei der Atomindustrie stand und steht der Geldgewinn vor der Moral, vor einer sozial verpflichteten Ethik.

Und heute? Mut und Zuversicht gibt mir die Mahnwache, die seit den fürchterlichen Kernschmelzen in den Reaktoren Fukushimas jeden Montag am Abend in Cadenberge stattfindet. Für so einen kleinen Ort so viele Menschen, die sich regelmäßig in ihrer Trauer über die vielen Toten durch das Erdbeben, ihrem Gedenken an die vielen Strahlenopfer in und um Fukushima, die es schon gibt und leider noch mehr geben wird, versammeln. Zwischen 50 und 150 Menschen waren jeweils dabei. Es gibt mir Gelassenheit auszuharren. Mut und Zuversicht für unsere und unserer Kinder Zukunft. Wie wohltuend war es zu erleben, wieviele Menschen sich in das von uns ausgelegte Kondolenzbuch eintrugen, das bei den Gemeindeverwaltungen, in der Cadenberger Kirche und an anderen Orten auslag. Und wie kräftigend wirkte das Dankeschreiben des japanischen Botschafters auf uns. Der Botschafter fand sogar die Zeit einem 5-jährigen Jungen, dessen Briefumschlag mit etwas Erspartem dem Kondelenzbuch von uns beigefügt worden war, persönlich mit einem Brief und einem kleinen Buch über Japan zu danken. Solche Erlebnisse geben Gewißheit, das Richtige getan zu haben, sich auf die eigene Weisheit der Differenzierung verlassen zu können.

Darum meine herzliche Bitte an Sie: Haben auch Sie Mut Dinge zu ändern, die Sie ändern können, streiten auch Sie mit für ein Leben auf dieser schönen Welt ohne Atomkraft, ohne Atombomben – jetzt und überall!“Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.provinzgegenatomanlagen.de.
Unterschriftenlisten für einen Energiewechsel liegen in vielen Geschäften und im Kirchenbüro aus. Die nächste Mahnwache auf dem Cadenberger Marktplatz
ist am 15. August um 18.00 Uhr.

Uli Beushausen



Letzte Änderung am Samstag, 28. April 2012 um 16:01:07 Uhr.