Gedanken zur Jahreslosung (mit dem Bild der Pusteblume)

Ich schaue ihnen gern hinterher, den kleinen Fallschirmen der Pusteblume. Ein kleiner Hauch, ein bisschen Wind - und schon schweben sie mit Leichtigkeit und von geheimnisvoller Hand getragen über die Wiese. Auch unser Kirchhof um die St. Nicolai-Kirche herum ist im frühen Sommer immer gelb vom blühenden Löwenzahn und dann fliegen sie bald, die kleinen Schirme der Leichtigkeit. Es wäre schön, wenn auch in der Kirche davon etwas zu spüren wäre!

Denn jeder wünscht sich ja ein unbeschwertes Leben, jeder wünscht sich für das neue Jahr Glück und Zufriedenheit - und vor allem Gesundheit. Und doch kommt es oft anders. Das Leben ist kein „Wunschkonzert”, es ist kein „Ponyhof”, es ist oft mühsam, belastend und schwer.

Auch Paulus, der Apostel und der so glaubensstarke Schreiber so vieler Briefe im Neuen Testament, macht die Erfahrung: Er war krank, er fühlte sich matt und elend. Er hoffte, seine Leiden würden einfach so „weg gepustet” werden. Vielleicht wartete er auf die große Wende, wie der Hauptmann zu Kapernaum sie erlebt hatte: „Sprich nur ein Wort, so werde ich gesund” hatte er zu Jesus gesagt. Doch Jesus spricht zu Paulus: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.” (2 Kor 12,9)

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!” - das sind die Worte, die uns im Jahr 2012 begleiten werden. Da heißt es nicht, dass 2012 alles besser wird, dass wir gesund bleiben, dass sich verbrauchte Kräfte wieder einstellen, dass die Wirtschaft wächst und der Arbeitsmarkt nicht einbricht ... Nein, da ist von Schwäche die Rede, die bleibt. Aber in all unseren Schwächen dürfen wir Gottes Kraft spüren.

Es ist ein Wunsch, den ich oft am Grabe sage: „Dass Sie viel Kraft haben, das Schwere nun zu tragen!” Es ist eine Hoffnung, dass auch Menschen mit ihrer Krankheit nicht verzweifeln, sondern Mut bekommen, mit ihrer Krankheit zu leben. Woher? Aus der Liebe und der Gegenwart Gottes. Auch dies ein Zuspruch, den ich oft mache - bei der Feier des Heiligen Abendmahls: „Gott schenke Dir Kraft, Hoffnung und Zuversicht.” Da ist die Stärkung ganz konkret zu erfahren, da ist die Hoffnung zu schmecken.

Es wäre schön, wenn wir in unserer Kirche, in unseren Gottesdiensten auch im Neuen Jahr viel davon spüren. Auch von der Leichtigkeit, die Gott schenkt - um Lebenssituationen anzunehmen, die sich nicht ändern lassen, aber die wir gestärkt tragen, ertragen können. Unsere Grenzen, unsere Schwächen - Gott kennt sie, denn er ist einer von uns geworden, hat Fleisch und Schwäche und Ängste angenommen, um mitzutragen, uns zu stärken.

Wenn die Pusteblumen wieder fliegen, dann wissen wir schon mehr von dem Jahr 2012 - wie es wird, was es bringt. Es bringt uns mit Sicherheit an unsere Grenzen, es schenkt uns aber auch die Leichtigkeit und Gelassenheit derer, die wissen, dass es ein „Jahr des Herrn ist” und er an unserer Seite ist und bleibt.

Bert Hitzegrad